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Das überzeugendste Argument für das Stadion ist wohl der erste Besuch – Interview mit der Initiative „GLOTZE AUS, STADION AN“
7. August 2013, 13:05
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Ich hatte ja gestern schon verkündet das noch ein Interview mit der Initiative „GLOTZE AUS, STADION AN“ aussteht. Und da ich die Geschichte zu einhundert Prozent unterstützenswert halte, gibts das dann jetzt auch hier zu lesen. So wird das dann auch vorerst in Zukunft aussehen, alles was mich interessiert oder meine Neugierde weckt wird weiter veröffentlicht. Nur Borussia wird hier weiterhin erstmal kein Thema sein…So und jetzt zurück zum Interview. GaSawebbannerfrei

Ihr habt die „GLOTZE AUS, STADION AN“ Initiative ins Leben gerufen. Worum genau geht es euch dabei?

Eigentlich ging es uns mit GaSa! (Glotze aus, Stadion an!) erst einmal ganz egoistisch um unser eigenes Stadion und dessen akuten Leerstand. In jeder Stadt ist das Problem des Zuschauermangels mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen verknüpft. Wir von der Supporters Crew 05 haben im Rahmen einer, von unseren Ultrás organisierten, Lesereihe zu den Kernthemen von Politik im Fußball an der Uni festgestellt, dass einfach kaum ein Student weiß, dass man überhaupt Fußball in Göttingen in einem richtigen Stadion sehen kann. Als Reaktion wollten wir eine Werbeaktion ins Leben rufen, die einen klaren Kontrastpunkt zu den SKY-Bars der Stadt setzt. Der Slogan sollte dabei so griffig sein, dass er hängen bleibt und dank eines einprägsamen Logos auch wiedererkannt wird. GaSa! war geboren.

GaSa Stand in der Oldenburger Fußgängerzone

GaSa Stand in der Oldenburger Fußgängerzone

Auslöser, die Initiative über die Stadtgrenzen hinaus zu setzen, war ein chaotische Saison in der Oberliga Niedersachsen, bei der zum zweiten Mal in Folge wegen finanzieller Unsicherheiten so viele Clubs die Liga nicht halten konnten, dass es keinen sportlichen Absteiger gab. Will sagen: Einige Fans aus Göttingen, Lüneburg und Celle waren ziemlich angenervt. Uns wurde klar, dass die Situation des Amateurfußballs zunehmend untragbar wird. In einer eifrigen Phase haben wir dann den anderen Oberligisten die Teilnahme an GaSa! angeboten und wurden prompt mit Anfragen von allen möglichen Fanszenen überrannt. Wir hatten wohl einen Nerv getroffen.

Mit einem Mal war die „witzige Idee“ eine Sache mit Anspruch und eigentlich war das ein wenig der Effekt, den wir auch brauchten, um auch den letzten Schritt in Richtung „Amateurfußball-Initiative“ zu wagen. Denn wir wollen mit GaSa! inzwischen nicht nur vergessene Leidenschaften wecken und neues Begehren schüren, sondern auch auf Missstände im Amateurfußball hinweisen und vielleicht sogar Lobbyarbeit wagen.

Mittlerweile sind einige Wochen ins Land gezogen und trotz Ferien, Urlaubszeit und Sommerpause haben sich bisher 31 Clubs/Fanorganisationen mit der Initiative solidarisiert. Erstens wie macht ihr auf euch aufmerksam und zweitens wie zufrieden seid ihr bisher mit dem Feedback?

Die Initiative war von Anfang an ein Selbstläufer und ging binnen weniger Tage viral über die Foren der Fangruppen und wurde von engagierten Supportern weiter getragen. Wir bastelten schnell einen Blog und aktivierten Streuaccounts bei Twitter und Facebook, aber eigentlich sind die Foren der Motor von GaSa! Gewesen. Onlinepresseorgane wurden bereits auf uns aufmerksam, bevor wir überhaupt eine Pressemitteilung raus geschickt hatten. Inzwischen sorgen die dezentralen Aktionen der einzelnen Fangruppen für Aufmerksamkeit und mancherorts vermeint man schon Effekte zu verspüren.

Spruchband beim HSV Barmbek-Uhlenhorst

Spruchband beim HSV Barmbek-Uhlenhorst

Natürlich sind wir mit den Reaktionen mehr als zufrieden. Ich würde sogar eher sagen, wir hatten anfangs eher ein nervöses Zucken in den Augenwinkeln. Wir mussten uns ja plötzlich darauf einstellen, den Anker der Initiative in Göttingen zu setzen und Entscheidungen zu treffen, die eigentlich gar nicht absehbar waren. Inzwischen sind wir ganz guter Dinge und trauen es uns zu gemeinsam mit allen anderen beteiligten Fanszenen mehr zu wagen als Aktionen vor Ort.

Ist die Haltung das ganze dezentral zu organisieren ohne weiteres möglich oder braucht es nicht doch einen gemeinsamen Anlaufpunkt?

Das ist im Prinzip der Knackpunkt, der sich mittelfristig abzeichnet. Ich sage es mal so: Um neue Leute ins Stadion vor Ort zu bekommen und mit Aktionen auf sich aufmerksam zu machen, braucht es keine Zentralität. Ganz im Gegenteil, das würde wohl eher keine Hilfe sein, denn die Situation ist an jedem Ort eine andere. Wir Göttinger haben viele Studenten, die alle ihren Club mitbringen und eigentlich bald wieder weg wollen. Woanders kann aber das Problem auch ein naher Erstligaverein, der schlechte Ruf eines Clubs oder ein untaugliches Stadion sein. Da kann eine gemeinsame Herangehensweise nur Gleichmacherei bedeuten. In dieser Angelegenheit ist GaSa! der gemeinsame Nenner und auch der Auslöse, der etwas vor Ort in Bewegung gesetzt hat.

Für eine vernünftige Lobbyarbeit und ein Einwirken gegen Entwicklungen im Amateurfußball, die wir für schädlich halten, ist Zentralität wichtiger, um Treffen abzuhalten und im Internet in einem Forum über Vorgehensweisen zu diskutieren. Da gilt es dann sicher auch, den idealen Weg zu finden, jenseits von Zerfaserung der Vorgehensweise oder aber auch Bevormundung anderer Fangruppen. Eine gemeinsame Stimme zu finden, in einem so heterogenen Feld, wie es sich bei unterschiedlichen Supporterszenen darstellt, ist eine ziemliche Herausforderung.

Zaunbanner der Supporters Havelse

Zaunbanner der Supporters Havelse

Wie versucht ihr vor Ort Leute zu überzeugen Göttingen 05 Spiele gucken zu gehen. Welche Argumente habt ihr gegen die Sky Bars der Stadt?

Das überzeugendste Argument für das Stadion ist wohl der erste Besuch. Wenn vor Ort der Support mitreißt, die Stimmung stimmt und die Fanszene offen auf Neulinge zu geht, ist es eigentlich kaum möglich, sich dem Zauber zu entziehen. Wir haben eine kleine, aber aktive Fanszene, die auch schwere Zeiten, wie eine Insolvenz samt Neustart ganz unten, mit viel Humor weg geschultert hat. Wir nehmen unsere Leidenschaft und den Club ernst, können aber über uns selber lachen. Das macht wohl sympathisch. Wir vertreten zudem das Prinzip „Politik und Fußball – das passt!“ und nutzen die vielen Facetten der Fankultur, um uns und Menschen, die sich dafür interessieren, im Kopf rege zu halten. In einer Unistadt kann man nur mit dem Versprechen von „Bier,Wurst und Kick“ nicht ausreichend punkten. Da braucht es auch Literatur, Diskurs und Anspruch.

Den SKY-Bars haben wir den offenen Kampf angesagt, indem wir einfach selber eine eröffnet haben. Wir nennen sie FanRaum NULLFÜNF. Dieser Treffpunkt existiert seit Mai und bietet neben Zusammenkünften vor und nach Heim- bzw. Auswärtsspielen auch einen Rahmen für Veranstaltungen und vor allem Erstkontakte zur Fanszene. Wir nutzen den FanRaum, um einen zweiten Ort neben dem Stadion zu schaffen, um für unseren Club zu werben, die Leute an die Hand zu nehmen und quasi ins Stadion zu führen. Ob es was bringt, abseits unseres eigenen Amüsements, wird sich diese Saison zeigen…

Was steht in nächster Zeit, als nächste Schritte auf dem Programm?

Aktion der SC Idar Fans

Aktion der SC Idar Fans

In Phase 2 der Initiative wollen wir alle Kontakter der beteiligten Fanszenen an den virtuellen Tisch eines Forums bringen und gemeinsam Ideen für kooperative Aktionen aushecken und idealerweise selbige auch umsetzen. Es wird dann sicher auch um die hehren Ziele von GaSa! gehen und eine Art „Credo“, mit welchem man mutigere Schritte in die Öffentlichkeit wagen kann. Wir wollen die Kräfte bündeln, aber gleichzeitig natürlich die Dezentralität nicht aufgeben, denn sie macht auch die Leichtigkeit der Initiative aus. Wir sind jedenfalls selber sehr gespannt, ob wir damit Erfolg haben.

Ich bedanke mich für die Einblicke in die Initiative und das ausführliche beantworten meiner Fragen…Gruß nach Göttingen!

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