Stahlwerk


Und dann Ihre Kutten mit den Emblemen – Interview mit Frank Ehrmantraut
17. Juli 2013, 18:59
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Weiter gehts in der Reihe „Interviews mit Borussen“, diesmal Frank Ehrmantraut über Brüssel, warum ihm Neunkirchen fehlt und warum Borussia sein Verein wurde…mir bleibt nur „Danke“ zu sagen…

Hallo Frank, du wohnst seit einigen Monaten berufsbedingt in Belgien. Wie lebts sich´s im Pommesparadies, so ganz ohne Schwenker und saarländische Gewohnheiten. Schon eingelebt?

Hallo Nicky, vielen Dank erstmal für die Nachfrage nach einem Interview, freut mich. Du hast Recht, seit einigen Monaten lebe ich in Brüssel, und da lebt es sich tatsächlich sehr gut. Die Leute sind sehr offen, was wohl am komplett internationalen Flair liegt und ich habe das Gefühl, irgendwie sehen das alle unheimlich entspannt hier in Bruxelles/Brussels. Da liegt es nahe, das ich mich schon größtenteils eingelebt habe. Frag mich nicht was, aber diese Stadt hat irgendetwas Positives. Sie ist gewöhnungsbedürftig, da so vielfältig und durcheinander, doch nach kurzer Zeit lernt man das zu schätzen. Und ich kann Dir ohne weiteres eine Bude empfehlen, die tatsächlich phänomenale Pommes serviert. Die Besten in Bruxelles, in Belgien und damit selbstverständlich auch auf der ganzen Welt.Skyline-Bruessel-a18069595

Brüssel ist der Sitz der Europäischen Union und der NATO. Wie wirkts sich das auf die Stadt aus und vorallem wie wirkt sich das im Alltag aus? Ist Brüssel teuer, eine typisch belgische Stadt und gibts Klischees über Belgier?

Gerade EU und Co. machen das internationale Flair aus, was wie schon gesagt liebenswert ist. Erschlagen wirst Du zuerst mal vom Verkehr, die Stadt ist voller Autos. Aber auch hier für mich bemerkenswert, die Gelassenheit, die im Stau mitgebracht wird. Klar ist Bruxelles teuer, aber gar kein Vergleich zu den überteuerten Siedlungen London oder Paris. Achtung! Klischees über Belgier kann es keine geben, denn entweder bist Du Wallone oder Flame, so einfach ist das. Dazwischen gibt es nix.

Kann einem Neunkirchen fehlen?

Nichtsdestotrotz kann, nein muß einem Neunkirchen fehlen. Auf einen Schwenker freue ich mich jetzt schon bei meinem nächsten Heimatbesuch. Unlängst kam ich zum Wochenendbesuch in die Heimat und fuhr nach der Ankunft an einem wettergrauen Vorabend durch die Innenstadt. Da war ich schon erstaunt. Wo waren da die Leute? Auch alles total grau und trist, da hat das erfrischende Grün gefehlt, gerade am Stummplatz und Umgebung. Aber, das ist das Neunkirchen das ich kenne und wo ich den allergrößten Teil meines Lebens verbracht habe. Man ist in Neunkirchen geboren und wird es nie vergessen können. Neunkirchen ist ein Teil von mir.

Hast du schon was vom belgischen Fussball mitbekommen, vielleicht schon geplant mal ein Spiel des FC Brüssel zu gucken?

Vom Fussball habe ich leider noch nicht so viel mitbekommen, da mir anfangs einfach die Zeit gefehlt hat und nu ist ja Pause. Ein Spiel von Molenbeek werde ich mir zukünftig sicherlich mal antun. Ebenso das Constant-Vanden-Stock Anderlecht. Liegt in der Natur der Sache, da ich einen Großteil meines Tages auf Anderlechter Grund zugegen bin. Aber insgesamt hat der Fussball in Belgien meines Erachtens nach keinen so großen Stellenwert, liegt vielleicht auch an ausbleibenden Erfolgserlebnissen. Im Alltag ist er mir noch nicht groß aufgefallen.

Fangen wir endlich mal mit Borussia an. Kannst du dich noch an dein erstes Spiel erinnern? Wie hast du die Stimmung im Stadion erlebt, was hat dich fasziniert an diesem Tag?

Also, mein erstes Spiel dürfte so 1978 gewesen sein. Auf jeden Fall war es ein Spiel der Saarlandliga. Zu Gast der FV Eppelborn! 2:0. Da hatte mich der Vater endlich mal mitgenommen. Am meisten beeindruckt hatten mich tatsächlich die Zuschauer, mit Ihren Emotionen und den schwarz-weißen Utensilien. In der Zeit muss es auch ein Aufstiegsspiel gegen Pirmasens gegeben haben. Da haben wir zum ersten Mal direkt neben den Anhängern gestanden. Ich meine die, die lautstark den VfB angefeuert haben. Da war ich schon fasziniert: Die meisten hatten lange Haare, dicke Arme und eine derbe Ausdrucksweise. Und dann Ihre Kutten mit den Emblemen. Schienewolf, fand ich total klasse. Für mich als kleinen Jungen war das herrlich. Selbstverständlich fiel mir auch der lustige Mann in Schwarz-Weiß auf, den man ziemlich schnell als den Borussen-Leo kennenlernte. Ab dieser Zeit ging man des öfteren ins Stadion, irgendwann mal schon alleine (ohne elterliche Begleitung) und freute sich jedes Mal aufs nächste Spiel.

Die Meisterschaft 1991 gegen Saarwellingen

Die Meisterschaft 1991 gegen Saarwellingen

Alte schwarz-weiss Bilder aus dieser Zeit zeigen vollen Ränge, schwarz-weisse Fahnen. Wie lief damals so ein Spieltag ab. War ab mittags die Stadt fest in schwarz-weisser Hand und irgendwann sah man wie die Massen den Hüttenberg hochziehen oder die Scheib runterkommen Richtung Ellenfeld?

Nun ja, die großen Zeiten, wo die Menschentrauben Richtung Ellenfeld pilgerten, wovon auch oft die älteren Leute erzählten habe ich ja nicht mehr erlebt. Leider war diese Zeit Anfang 80ziger der Beginn des Niedergangs. So war das mit den hohen Zuschauerzahlen eh am Ende. Ich habe sowieso den Eindruck, das in Neunkirchen eh mit den Zuschauerzahlen falsch umgegangen wird. Im normalen Spielbetrieb war das Zuschauerinteresse meiner Meinung noch nie so hoch. Nur bei gewissen Ereignissen, wie Pokal- oder Entscheidungsspielen sind die Zuschauer geströmt, keine Frage.

Mitte/Ende der Siebziger kamen ja so langsam die Fanclubs stärker auf, kannst du dich daran erinnern ob und welche es damals im Ellenfeld gab?

Lange Jahre war ich treuer Besucher im Ellenfeld, war dann aber eher weniger im Fanblock selbst anzutreffen, sondern an verschiedenen Standorten im Stadion. Lange, lange Zeit war der Standort von uns auf den Stehrängen der Vortribüne, insbesondere hinter/neben dem „Trainerhäuschen“ Wo heute unsere Borussia beheimatet ist. Früher war es jahrelang umgekehrt, da residierten dort die Gäste. Zu deren Leidwesen, da wir denen dann desöfteren einheizten. Auch den Saarbrückern, die tatsächlich früher der große Feind waren. Zu meiner Gymnasialzeit gab es an der Schule nur zwei Seiten: Entweder war man Schwarz-Weiß oder Blau-Schwarz. Da sich die sportlichen Wege, wie jedem bekannt sein dürfte dann getrennt haben, blätterte das sog. Feinbild immer mehr ab. Deswegen hat auch die jüngere Generation da eine völlig andere Einstellung, was in Ordnung ist. Zur Zeit der Hüttenjungs habe auch ich einige Leute aus der entsprechenden Szene kennen- und schätzen gelernt.

Herr Ehrmantraut mit Bengalo :-)

Herr Ehrmantraut mit Bengalo 🙂

Welche Spieler und Trainer sind dir besonders über die Jahre in Erinnerung geblieben?

Als Trainer habe ich 1994 Guido Mey schätzen gelernt. Auf der Rückfahrt vom Regionalligaspiel in Köln hatten wir Guido im PKW mitgenommen, da er noch einen Termin beim SR wahrnehmen musste. Diese ca. 3 Stunden Fahrt waren eine einzige Expertise, das war Fussballphilosophie vom Feinsten. Als Spieler in Erinnerung geblieben ist mir z.B. Eckhardt Schüßler. 89/90. Weltklasse Spieler. Was der die Außenlinie rauf und runter ist. Den fand ich echt gut. Jahre später selbstverständlich Roland Rein, wobei die Spielanalysen mit seinem Vater Stefan nach Spielende im Borussiaheim auch dazu beigetragen haben

Was ist das legendärste Borussenspiel das du je gesehen hast und warum?

Das legendärste Spiel war das beim SC Idar 1999. Warum? Das war für den geneigten Fussballanhänger ein große Sache. Da haben wir uns wirklich als klasse Truppe präsentiert. Auf dem Platz und auf den Rängen.

Apropo Neunkircher Stahl was wurde eigentlich aus der legendären Fahne?

Neunkircher Stahl! Die müsste es noch geben. Wohlfein aufbewahrt in NK. Beim nächsten Heimatbesuch werde ich mal danach schauen.

Nachtrag: Und noch eine Sache: Die NEUNKIRCHER STAHL Flagge existiert tatsächlich noch und verbringt ihre Tage nun in Brüssel…

Man munkelt du hättest selbst im Borussentrikot gespielt, sellemols für Borussia III. Ich hab da was gehört von legendärer Spieler, mein Informant war sich nicht ganz sicher aber er meinte dich als beinharten Verteidiger im Gedächtniss zu haben?

Borussia III: Dein Informant hatte recht. An mir, dem Außenverteidiger kam keiner vorbei. Oder doch?

Stimmt eigentlich die Geschichte das du ein Tor im Ellenfeld geschossen hast und wenn schon mal Borussia III…war das eher so ne Spaßtruppe oder schon ernsthafter Ligaalltag?

Die Geschichte stimmt: Das war am letzten Spieltag. Da durften wir immer zum Saisonabschluß im Stadion spielen. Gegner weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war es kurz vor Spielende. Ich bekam den Ball knapp vorm 16er zugespielt und habe ihn gnadenlos im Winkel versenkt. Und das beim „Trainingstor“. Welch ein Gefühl – Die 3. war tatsächlich eher eine Spaßtruppe. Als Reserve für die 2. war sie Pflicht. Wir nahmen das alles nicht so ernst, hatten aber einige gute Leute dabei. Wir spielten Tagesformabhängig. Entweder bekamen wir die Hucke voll, oder wir haben einige Male gekonnt überrascht.

das Motiv der Fahne

das Motiv der Fahne

Du hast dich viele Jahre ehrenamtlich eingebracht, welche Aufgabe hat dir am meisten Spaß gemacht und vorallem wie blickst du darauf zurück?

Ehrenamt: Das war von anfangs Beisitzer im Vorstand, Ordnungsdienst, lange Jahre Mitarbeit bei Internetauftritt und „Blick ins Ellenfeld“ bis hin zum Fanbeauftragten tatsächlich vielfältig. Danach hatte ich mich mal eine Zeitlang zurückgezogen, ehe ich dann nochmals überredet wurde und wie man ja des öfteren hören konnte, die Stadionansage machen durfte. Es hatte eigentlich alles Spaß gemacht und es war einfach mein kleiner Beitrag zum Vereinsleben der Borussia.

Du hast mit Tobias einen Beitrag fürs „Fanzine 99“ Buch geschrieben, darin erzählt ihr von der Wiederkehr der Fanszene bei Borussia. Kannst du dich noch erinnern warum sie eigentlich nicht mehr stattfand und was war für euch der Auslöser wieder mit Schals und Gesängen auf den Sportplätzen des Südwestens aufzutauchen?

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Nach dem Regionalliga-Abstieg 1996 ist die Fanszene natürlicherweise zurückgegangen. Und das Schwarz-Weiß auf den Rängen wurde immer weniger. Ich kann mich nicht mehr wirklich genau daran erinnern. Aber es war keine besondere Intention damals. Das hat sich so ergeben: Zu einem Auswärtsspiel in Mettlach, bei relativ unwirschen Herbsttemperaturen, hatten wir uns einfach vorgenommen, Trikots und Schal (mit Schlossbräu Logo selbstverständlich) überzustreifen und anzufeuern. Ganz normaler Support eben. Vorausgegangen waren immer wieder ewig lange Gepräche über Fankultur, oder wie man auch dazu sagt. Das später irgendwann die Hüttenjungs entstanden, war eine tolle Sache. In der Zeit dürfte auch das Auswärtsspiel in Hamm stattgefunden haben, bei dem ich Dich kennengelernt haben dürfte. Korrekt?

Gutes Gedächtniss…zum Schluß irgendwelche Wünsche oder Grüße?

Vielleicht wird es ja in der Zukunft in Neunkirchen weiterhin eine sogenannte Fanszene geben, in welcher Form auch immer, die sich nahtlos an die bisherigen kleinen und auf ihre Art feinen Fankulturen anschliessen kann. Und wo man dann mit Stolz und Souveränität sagen kann: Ich war ein Teil davon!Schwarz und Weiß die Farben, und ein goldenes B, das ist die Borussia, unser VfB, wir gießen unser Eisen, wir walzen unseren Stahl, wir feiern unsere Mannschaft und singen noch einmal…

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